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Das Digitale als Brücke: Wie Dortmunds Museen ihre Sammlungen ins 21. Jahrhundert überführen

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Das Digitale als Brücke: Wie Dortmunds Museen ihre Sammlungen ins 21. Jahrhundert überführen

Ein mittelalterliches Kruzifix aus dem Depot des Museums für Kunst und Kulturgeschichte, millimetergenau in drei Dimensionen erfasst, rotierbar auf dem Bildschirm eines Schülers in Dortmund-Scharnhorst oder einer Forscherin in Kyoto – das ist keine Vision, sondern inzwischen technische Realität. Dortmunds Museen haben in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um ihre physischen Bestände in digitale Zugänglichkeit zu übersetzen. Der Weg dorthin war weder geradlinig noch frei von Widersprüchen.

Der lange Weg zum digitalen Bestand

Digitalisierung beginnt, bevor ein einziger Pixel auf einem Bildschirm erscheint. Sie beginnt in den Depots, wo Objekte häufig über Jahrzehnte ohne systematische Erfassung gelagert wurden – beschriftet mit handgeschriebenen Zetteln, in Karteikarten dokumentiert, deren Informationsgehalt den heutigen Anforderungen kaum genügt. Bevor ein Werk online gestellt werden kann, muss es konservatorisch eingeschätzt, fotografisch dokumentiert, mit Metadaten versehen und rechtlich geprüft werden.

Das klingt nach Verwaltungsarbeit – und ist es auch, zum Teil. Aber es ist zugleich ein intellektueller Prozess: Wer ein Objekt digitalisiert, muss entscheiden, welche Informationen es begleiten, in welchen Kontext es gestellt wird und wem gegenüber es zugänglich gemacht werden soll. Diese Entscheidungen sind keine technischen, sondern kuratorische.

Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte hat in den vergangenen Jahren eine eigene Digitalisierungsabteilung aufgebaut, die eng mit den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammenarbeitet. Über 15.000 Objekte sind inzwischen in einer öffentlich zugänglichen Datenbank erfasst – ein Anteil, der noch wächst, aber bereits einen substanziellen Einblick in die Tiefe der Sammlung gewährt.

Virtuelle Ausstellungen: Mehr als eine digitale Kopie

Die naheliegendste Form digitaler Vermittlung ist die virtuelle Ausstellung – ein Begriff, der allerdings sehr Unterschiedliches meinen kann. Im schlechtesten Fall ist eine virtuelle Ausstellung eine Diaschau mit Begleittext. Im besten Fall ist sie ein eigenständiges Erlebnis, das die Möglichkeiten des digitalen Raums nutzt, um Inhalte zu erschließen, die im physischen Ausstellungsraum so nicht darstellbar wären.

Das Dortmunder U hat mit verschiedenen Formaten experimentiert: interaktive Zeitachsen, die historische Entwicklungen vergleichend visualisieren; 360-Grad-Rundgänge durch Ausstellungsräume, die auch nach Ablauf der Ausstellung zugänglich bleiben; und annotierbare Werke, bei denen Nutzerinnen und Nutzer eigene Kommentare und Verknüpfungen hinterlassen können. Letzteres verbindet Digitalisierung mit dem bereits beschriebenen Partizipationsgedanken – und schafft damit ein Format, das in seiner Hybridität besonders zukunftsweisend ist.

3D-Rekonstruktionen: Wenn das Vergangene sichtbar wird

Eine der spannendsten Anwendungen digitaler Technologien liegt in der Rekonstruktion von Objekten und Räumen, die physisch nicht mehr existieren. Das Stadtarchiv Dortmund arbeitet gemeinsam mit der Fachhochschule Dortmund an digitalen Rekonstruktionen kriegszerstörter Gebäude und verlorener Stadtansichten. Auf der Grundlage historischer Fotografien, Baupläne und Zeitzeugenberichte entstehen dreidimensionale Modelle, die Geschichte erfahrbar machen, ohne auf das Original angewiesen zu sein.

Für die Museumspädagogik eröffnen solche Rekonstruktionen neue Möglichkeiten. Schulklassen können historische Räume betreten, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gibt. Forschende können Hypothesen über Raumgestaltungen überprüfen, die sich aus schriftlichen Quellen allein nicht verifizieren ließen. Und Besucherinnen und Besucher können Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen, die ohne die digitale Visualisierung abstrakt blieben.

Das Original und sein digitales Abbild

So überzeugend die Möglichkeiten der Digitalisierung sind – sie werfen auch grundsätzliche Fragen auf, die in der Fachwelt kontrovers diskutiert werden. Was geschieht mit dem Erleben des Originals, wenn ein hochauflösender Scan dasselbe Objekt in vervielfachter Auflösung zeigt? Verliert das physische Werk seinen Aura-Effekt, wenn es digital ubiquitär verfügbar ist?

Dortmunder Museumsfachleute begegnen dieser Frage mit einer pragmatischen Gegenthese: Digitale Präsenz erzeugt Interesse, das in physische Besuche mündet. Auswertungen der Besucherzahlen zeigen, dass Ausstellungen, die digital stark beworben und vorab zugänglich gemacht wurden, in der Regel höhere Besucherzahlen verzeichnen als vergleichbare Formate ohne digitale Begleitung. Das Digitale ist kein Ersatz für das Original – es ist sein Vorbote.

Zugang als Versprechen

Hinter der technischen Debatte verbirgt sich eine politische Dimension, die in Dortmund besonders spürbar ist. Eine Stadt mit einem erheblichen Anteil an Menschen, die aus sozialen oder wirtschaftlichen Gründen selten oder nie ein Museum besuchen, hat ein Interesse daran, Kultur auch auf anderen Wegen zugänglich zu machen. Digitale Sammlungen, die kostenlos und ohne Voranmeldung erreichbar sind, sind ein Instrument der Kulturpolitik – nicht nur der Technik.

In diesem Sinne ist die Digitalisierung Dortmunder Museen mehr als ein Modernisierungsprojekt. Sie ist ein Bekenntnis zu dem Grundsatz, dass kulturelles Erbe der gesamten Stadtgesellschaft gehört – und nicht nur jenen, die Zeit, Geld und Mobilität mitbringen, um es persönlich in Augenschein zu nehmen. Das Digitale als Brücke: nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft allein, sondern zwischen Institution und Mensch.

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